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Prof. Dr. Karl Lauterbach auf dem Radiologentag: „So etwas wie die Bürgerversicherung wird kommen!“

Er gilt als Mann der offenen Worte und als einer der profiliertesten Gesundheitspolitiker in Deutschland: Prof. Dr. Karl Lauterbach wurde diesem Ruf bei seinem Vortrag über die zu erwartenden Auswirkungen der Bundestagswahl im kommenden Jahr und der anschließenden Gesprächsrunde auf dem Radiologentag durchaus gerecht.

„The stage is yours!“ – mit diesen Worten übergab Curagita-Vorstand Dr. Michael Kreft an Lauterbach und dieser ließ sich nicht lange bitten. Zwar war er mit einer Power-Point-Präsentation bewaffnet, die mit riesigen Datentabellen aufwartete – eine von ihnen wies die Radiologen auch gleich als extreme Einkommensspitzenreiter aus –, relativierte die Zahlen jedoch direkt mit dem Hinweis darauf, dass die niedergelassenen Radiologen vermutlich die Berufsgruppe seien, über die es am wenigsten aktuelle und verlässliche Daten gebe. In der Folge zeigte er anhand der Tabellen einige interessante Trends auf, die den in der Berufspolitik engagierten Radiologen sicher bekannt vorkamen: So scheiden in den kommenden 15 Jahren zwei Drittel der derzeit aktiven niedergelassenen Radiologen aus Altersgründen aus ihren Praxen aus. Und auch für die Radiologie erwartet Lauterbach eine zunehmende Feminisierung, da mittlerweile bis zu 70 Prozent aller Medizinstudiums- Absolventen Frauen sind. Er sieht die Radiologie somit vor einem einschneidenden Generationswechsel.

Die aus dieser Altersstruktur resultierenden Probleme will Lauterbach notfalls durch große Ambulatorien in Krankenhäusern lösen – allerdings bleibt er die Idee schuldig, woher er die Radiologen dafür nehmen will. Mithin sieht er in der Radiologie derzeit eher eine Über- als eine Unterversorgung. Die KVen sollten also aus seiner Sicht durchaus frei werdende Sitze einziehen, um so die Versorgungsrate auf 120 – 140 % zu drücken.

Auch wenn es – in Relation zum BIP – die viel besungene Kostenexplosion im Gesundheitswesen aus seiner Sicht gar nicht gibt, warnte Lauterbach vor den hohen Kosten, die in Zukunft für innovative Therapien beispielsweise bei Krebs anfallen werden. Und auch einen weiteren Effekt der immer besser werdenden Medizin sieht er für das Gesundheitswesen kritisch: „Nur wer den Infarkt überlebt, kann den Krebs noch bekommen“, skizzierte er einen fatalen Kreislauf. Erfolge bei der einen Therapie erhöhten zwangsläufig das Risiko für andere Krankheiten. „Nach der Behandlung ist vor der Behandlung“, polemisierte der Gesundheitspolitiker. Weiterhin sei heute bereits klar, dass die Hälfte der Babyboomer-Generation der 45- bis 55-Jährigen aufgrund der höheren Alterserwartung irgendwann in den nächsten Jahren an Krebs erkranken wird.

All dies bewirke steigende Kosten bei den Krankenversicherungen und führe damit unausweichlich zur Notwendigkeit der Bürgerversicherung. „Eine Form der Bürgerversicherung wird kommen, ganz klar“, ist sich Lauterbach sicher. „Die PKV wäre sonst in zehn Jahren nicht mehr bezahlbar.“ Zum Beginn des nächsten Jahres würden alle privaten Krankenversicherungen ihre Beiträge anheben, teilweise bis zu 30 Prozent. Für den SPD-Politiker ist das kein Thema für den kommenden Wahlkampf. Vielmehr würde das enorme künftige Kostenvolumen im Gesundheitswesen für Privatpatienten und Krankenkassen  zu einem solchen Problem, dass auch beim Koaltionspartner CDU spätestens in der kommenden Legislaturperiode ein Umdenken einsetzen werde.

Für ihn bedeute Bürgerversicherung aber nicht „EBM für alle“, stellte Lauterbach klar. Es müsse ein komplett neues Honorarsystem entworfen werden, das er am liebsten von unabhängigen Experten entwickeln lassen wolle. Die 40 bis 50 Milliarden Euro Budget könnten dabei allerdings nicht mehr von den „Basar-Gremien der Selbstverwaltung verteilt werden“. Ziel sei dabei, dass sich eine (radiologische) Praxis künftig durch die Einnahmen aus diesem neuen System tragen könne. Das antwortete er auf die provokante These von Jürgen Witt aus der Radiologie Franken-Hohenlohe, der beim Wegfall der „Quersubventionierung“ durch Privatversicherte befürchtete, dass 80 % der Netzpraxen heute dies nicht überleben würden.

Wie sich ein neues Honorarsystem für Radiologiepraxen konkret auswirken würde, lässt sich natürlich noch nicht erkennen. Eindeutige Aussagen machte Lauterbach jedoch darüber, dass er nicht vorhabe, das Mammographie- Screening abzuschaffen und dass in dieser Legislaturperiode keine Reform der GOÄ mehr kommen werde. Wenn es nach ihm ginge, gäbe es letztere sowieso überhaupt nicht mehr, weil dies ja für die von ihm präferierte Bürgerversicherung nicht mehr notwendig wäre.

Ihr Ansprechpartner:
Dr. Michael Kreft
mik@curagita.com

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