comment Add Comment
Posted on Last updated

Interview mit Praxis-Neueinsteigering Dr. Hannah Bannier

Mancher träumt schon als Student von der eigenen Praxis und schöpft aus der Aussicht auf eigene Räume und Patienten Motivation, Studium und Karriere zielstrebig voranzutreiben. Anderen ist es lieber, im angestellten Verhältnis zu praktizieren und die Arbeitsstunden und örtliche Bindung flexibel gestalten zu können.

Für Dr. med. Hannah Bannier, Fachärztin für Radiologie und Nuklearmedizin aus Backnang, war seit der ersten Vorlesung im Auditorium klar, eines Tages eine eigene Praxis zu führen. Diesen Traum hat sie zum 1. Januar 2018 mit der Übernahme einer radiologischen Gemeinschaftspraxis zusammen mit Herrn Dr. Hellmut Schürholz im Baden-Württembergischen Backnang verwirklicht. Inzwischen ist ein gutes Jahr vergangen und wir haben die frisch gebackene Praxisinhaberin gebeten, ihre Erfahrungen mit uns zu teilen.

Redaktion: Frau Dr. Bannier, was gab den Anstoß, eine eigene Praxis zu übernehmen und wie kam es dazu, dass Sie schon immer eine eigene Praxis im Blick hatten?

Dr. med. Bannier: Für mich war der Weg vom Studium hin zu einer eigenen Praxis schon von Anfang an vorgezeichnet. Ich bin als Tochter zweier niedergelassener Ärzte quasi in Arztpraxen aufgewachsen und habe mir gewünscht, eines Tages selbst eine Praxis führen zu können. Ein wichtiger Schritt ans Ziel war ganz sicher meine Wahl für eine Weiterbildung zum Doppelfacharzt für Radiologie und Nuklearmedizin.

Redaktion: Das heißt, Sie hatten von Anfang an Einblick in den Praxisalltag – mit allen Vorteilen und Herausforderungen.

Dr. med. Bannier: Das ist richtig. Mir war stets bewusst, dass eine Praxis ein kleines Unternehmen darstellt, das neben der diagnostischen Tätigkeit vom Inhaber auch administrativ und vor allem strategisch geführt werden muss. Ich investiere im Schnitt acht Stunden pro Woche für Administratives.

Redaktion: Ein wichtiger Punkt, den nicht jeder Arzt in Anstellung bedenkt. Was ändert sich im Arbeitsalltag noch, wenn man als Radiologin/ Nuklearmedizinerin eine eigene Praxis führt?

Dr. med. Bannier: Neben den Tätigkeiten als Medizinerin und weiteren administrativen Tätigkeiten kümmere ich mich nun auch um die Personalführung, um unser Team bestehend aus vier Ärzten, drei MTRAs, fünf MFAs plus Sekretärin und Reinigungspersonal. Wir hatten dabei das Glück, ein sehr gut funktionierendes und hoch motiviertes Team zu übernehmen. Im medizinischen Bereich verschiebt sich das Spektrum der Untersuchungen, wir machen viel mehr MRTs in der Praxis im Vergleich zum vorherigen Klinikalltag, wo wir viele CTs durchgeführt haben. Die Fallzahl pro Stunde ist deutlich höher und – was ich ernsthaft bedauere – der Austausch mit Ärzten aus anderen Fachgebieten ist aufgrund der räumlichen Trennung weniger geworden.

Redaktion: Was haben Sie in den ersten zwölf Monaten erreicht?

Dr. med. Bannier: Es klingt banal, aber der Betrieb läuft weiterhin auf dem hohen Niveau wie vor unserem Eintritt. Mit unserer engagierten Belegschaft im Rücken ist es gelungen, mehr Patienten als früher zu behandeln. Ich habe den Vorteil, mit Dr. Hellmut Schürholz einen Praxispartner, den ich bereits seit meiner Schulzeit kenne, in der Praxis zu wissen. Wir sprechen sehr offen miteinander und unterstützen uns gegenseitig. Das Team arbeitet sehr selbstständig und zieht bei den von uns eingeführten Veränderungen bereitwillig mit, auch wenn wir häufig Neues ausprobieren. Eine wichtige Veränderung zu der Zeit vor unserer Praxisübernahme sind die Patientengespräche, die wir Ärzte als feste Routine nach jeder Untersuchung führen. Das ist zeitaufwendig und finanziell primär nicht lukrativ, aber die Rückmeldungen unserer Patienten und Zuweiser darüber fallen sehr positiv aus.

Redaktion: Was haben Sie nach der Übernahme beibehalten und was haben Sie verändert?

Dr. med. Bannier: Wir haben das Team vollständig übernommen und zwei weitere MTRAs eingestellt. Da die Praxis erst 2013 in neue Räumlichkeiten umgezogen war, ist der bauliche Zustand der Praxis sehr gut und benötigte keine Verjüngungskur. Bei den Geräten war die Situation ähnlich. Hier haben wir im letzten Jahr geringfügig nachgerüstet, neue Lizenzen erworben, um das Behandlungsspektrum auszuweiten und die Wartezeiten für die Patienten zu verkürzen. Neu ist wie gesagt, dass wir Ärzte nach jeder Untersuchung mit den Patienten sprechen.

Redaktion: Haben Sie jetzt mehr Freiheiten oder weniger als zuvor als angestellte Ärztin?

Dr. med. Hannah Bannier: Darauf kann ich nicht ohne Differenzierung antworten. Natürlich habe ich jetzt flexiblere Arbeitszeiten und kann mir den Tag etwas freier gestalten, wenn nötig. Allerdings arbeite ich insgesamt mehr Stunden als in der Anstellung und behandle vergleichsweise mehr Patienten im selben Zeitfenster. Da wir die einzige radiologische Praxis im Umfeld von 10 Kilometern sind, ist es nicht möglich, unsere Praxis auf ausgewählte Behandlungsfelder zu spezialisieren. Um die Versorgung der Menschen im Einzugsgebiet zu sichern, decken wir ein breites Spektrum an Routineuntersuchungen ab.

Redaktion: Gab es denn einen Punkt der Ernüchterung oder ist der Alltag mit allen Verantwortlichkeiten so, wie Sie sich ihn vorgestellt haben?

Dr. med. Bannier: Grundsätzlich ist der Alltag wie in meiner Vorstellung. Zum Punkt Ernüchterung muss ich zwei Dinge ansprechen: der immense bürokratische Aufwand und die zum Teil fehlende Abrechenbarkeit von medizinisch notwendigen Leistungen/Untersuchungen. Aus meiner persönlichen Historie heraus wusste ich, dass da einiges am Abend nach Ende der Öffnungszeit auf Abarbeitung wartet, der Gesamtaufwand für Administratives kann auch manchmal etwas frustrieren. Wir haben in unserer Praxis einen Weg gefunden, mit dem Volumen umzugehen – ich arbeite dafür fünf Stunden die Woche weniger am Patienten und bekomme auch in diesem Bereich tatkräftige Hilfe durch unsere erfahrenen und motivierten MTRA/MFA. Die Herausforderung besteht darin, eine Praxis wirtschaftlich erfolgreich zu führen und trotzdem die Patienten auf medizinisch fachlich und auch menschlich hohem Niveau zu versorgen.

Redaktion: Gibt es auch mit dieser Einschränkung einen konkreten Plan, wie Sie die Praxis weiterentwickeln werden?

Dr. med. Bannier: Ja, natürlich. Mittelfristig möchten wir den nuklearmedizinischen Bereich in der Praxis ausbauen, da hier aktuell ein großer Bedarf besteht. Der Einstieg eines weiteren Partners ist ebenfalls geplant. Diese Maßnahmen sollen helfen, die Wartezeiten im Sinne einer guten Versorgung weiter zu verkürzen.

Redaktion: Was empfehlen Sie allen Ärzten, die sich in einer radiologischen Praxis niederlassen möchten?

Dr. med. Bannier: Eine Praxis zu übernehmen, ist eine große Umstellung. Deshalb empfehle ich den Ärzten, im Rahmen einer Praxisvertretung erst einmal vorzufühlen, wie die Abläufe im Praxisalltag sind. Zudem kann man sich auch bereits im Vorfeld betriebswirtschaftlich fortbilden. Es gibt beispielsweise Wirtschaftsseminare bei der KV, die helfen, erste Einblicke zu bekommen. Ich habe diese Hilfestellung in Anspruch genommen und sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Als es dann konkret wurde, habe ich mir zudem Unterstützung von außen geholt, insbesondere vom Steuerberater und Rechtsanwalt. Hilfreich gerade für uns als junge Praxis ist auch unsere Mitgliedschaft im Radiologienetz mit Experten und Austauschpartnern zu allen möglichen Themen wie Zulassung, Sitzteilung, Arbeitssicherheit usw..

Redaktion: Frau Dr. Bannier, wir wünschen Ihnen weiterhin eine erfolgreiche Praxisentwicklung und danken Ihnen für das Gespräch.

 

Schreibe einen Kommentar

Wir verwenden die von Ihnen angegebenen Daten ausschließlich, um auf Ihr Anliegen zu reagieren.