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„Fühle mich entspannt und frei“: Die Perspektive eines Praxisaussteigers

Dr. Christoph Hahn, Netzradiologe der ersten Stunde und langjähriger Fachbeirat ist im letzten Jahr aus seiner Praxis Radiologie Schorndorf, die er zwanzig Jahre lang mit aufgebaut und gestaltet hat, ausgestiegen. Im Dezember hat er zwei Wochen als Vertreter im Conradia MVZ Charlottenburg mitgearbeitet. Im Gespräch mit Netzmanagerin Eva Jugel gewährt er Einblicke in seine Perspektiven zum Praxisausstieg, zur erlebten MVZ-Kultur und auf das Radiologienetz der Zukunft.

Ausstieg aus der Praxis bringt Lebensqualität
Dr. Christoph Hahn spricht frei von der Leber weg, wie man so sagt. Sein sympathischer schwäbischer Dialekt bringt so manches erfrischend und direkt auf den Punkt. Gerade erst sechzig Jahre alt ist er im Frühjahr letzten Jahres aus der Radiologie Schorndorf endgültig ausgestiegen. Der drahtige Hobby-Rennradler (vormals Mitglied im radiologie.de-Team auf dem Charity Bike Cup) ist einer, der das, was er tut, gerne von Herzen und mit hundertprozentigem Einsatz macht. Dies konnte er zuletzt in der Praxis, in der er zwei Jahrzehnte lang als Partner tätig war, nicht mehr und zog die Konsequenz. „Wenn die Ziele und Auffassungen der Partner in einer Praxis so weit auseinander liegen und keine Lösung in Sicht ist, muss man an der Situation etwas ändern“, erklärt er seinen Ausstieg. Dieser fiel ihm nicht leicht, war er doch Radiologe und Praxisunternehmer mit Herzblut und Leidenschaft. Aber die Bilanz nach einem dreiviertel Jahr erstaunt ihn selbst: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so anders fühle“, gibt er unumwunden zu. Er spricht von mehr Ruhe, Gelassenheit und Entspanntheit. „Obwohl ich nie Druck empfunden habe, merke ich jetzt, wo er weg ist, dass er da war.“ Die Lebensqualität sei durch die neue Freiheit höher, er sei zufriedener. „Am Ende bin ich „vergewohltätigt“ worden“, schmunzelt er.

Neue Erfahrungen als MVZ-Radiologe in Charlottenburg
Im November und Dezember unterstützte Dr. Hahn das Conradia MVZ in Charlottenburg. Auf die Frage nach seinen Eindrücken im Vergleich zu seiner freiberuflichen Tätigkeit in Schorndorf sagt er, dass ihm das kollegiale Zusammenarbeiten mit dem Ringen um eine gute Diagnose, der unkomplizierte Umgang mit den Mitarbeitern und die gefühlte Akzeptanz große Freude bereitet haben. Das „schlanke“ Arbeiten mit relativ hoher Geschwindigkeit insbesondere im Spätdienst hat ihm Spaß gemacht und an „alte Zeiten“ erinnert. Der nicht allein nur Corona-bedingte spärliche Patientenkontakt war für ihn neu und auch der größte Unterschied zu seiner bisherigen Tätigkeit. Außerdem sei es seine erste Erfahrung mit angestellten Radiologen gewesen, sagt er. Insbesondere die angestellten Radiologen der älteren Generation unterschieden sich von der neuen hochmotivierten ärztlichen Geschäftsführung. Dr. Hahn verortet die Ursache dafür in der fehlenden unternehmerischen Verantwortung und verantwortlichen Einbindung in die Prozesse der neuen Praxis. Auch wenn er die jüngeren angestellten Radiologen etwas engagierter erlebte, habe er auch bei diesen wenige „echte Identifikation“ mit der Praxis gespürt. Auch das schreibt er der fehlenden Verantwortung für Praxisbereiche über die reine Befundung hinaus zu. Diese „Söldnermentalität“ ist seiner Ansicht nach ein großes Manko für alle Betreibermodelle, die es in der radiologischen Niederlassung gibt.  

Insgesamt war der erste Praxisausflug nach dem Praxisausstieg für den DeRaG-Aktionär ein positives Erlebnis. Mit dem Conradia MVZ Charlottenburg sei es gelungen, neben sehr ansprechenden Räumlichkeiten und nagelneuen Geräten auch ein motiviertes und Patienten-orientiertes Team zusammenzustellen. Das „Berlin-Erlebnis“ nach Feierabend gestaltete sich natürlich durch den Lockdown etwas weniger freudvoll als geplant.  

Zeitersparnis durch Digitalisierung für Kommunikation nutzen
Dr. Hahn reflektiert auch das Thema Digitalisierung auf eine besondere Weise. „Durch die Digitalisierung und Automatisierung sind große Zeitersparnisse erwachsen, die man nutzen kann und muss“, fordert er. „Vor zwanzig Jahren benötigte man deutlich mehr Zeit und auch Personal für z.B. die Beschaffung von Voraufnahmen, die Befundung selbst, das Schreiben, Korrigieren und Versenden des Befundes, die Bildübermittlung und die Archivierung. Heute geht das alles viel schneller, bequemer, teilweise schon auf Knopfdruck. Manche Dinge wie kontrollierter Zugriff der Zuweiser und Patienten auf die Bilddaten sind komplett neu. Die gewonnene Zeit wird teilweise durch die heutige Bilderflut wieder neutralisiert. Trotzdem bleibt Zeit, mit Patienten, Zuweisern/Kollegen, Partnern und Mitarbeitern zu reden, was die jungen Kollegen leider nicht oder zu wenig nutzen.“ Dieses Miteinanderreden ist ihm ein hohes Anliegen.  

„Denn dadurch machen wir uns auch künftig unterscheidbar. Menschen prägen das Bild der Praxis durch ihr Handeln und ihre Kommunikation“, ist Dr. Hahn überzeugt. Und auch davon, dass es sich hierbei um gut investierte Zeit handelt und diese effizient gestaltet werden kann. „Die meisten Patientengespräche kann man mit etwas Übung relativ kurz halten und sich trotzdem empathisch zuwenden, was sehr gut bei den Patienten ankommt. Komplizierter sind die wenigen Patienten, die einen ‚auffressen‘ möchten. Da gilt es, sich zeitlich zu limitieren, was nicht immer einfach ist und ebenso Einfühlungsvermögen erfordert. Mit manchen Patienten entwickeln sich auch längere und für beide Seiten interessante Gespräche, die weit über das Medizinische hinausgehen und den Praxistrott deutlich beleben.“ Gerade diese Kompetenz der Empathie, wie Dr. Hahn sie nennt, sieht er als kritischen Erfolgsfaktor für eine gelungene Praxisführung heute und ist der Meinung, dass es für die junge, digital aufgewachsene Generation eine ordentliche Hürde ist, die sie nehmen muss.

Gemeinsam sind wir stark – Gründungsgedanke von Radiologienetz weiterhin aktuell
Ob und wofür es denn ein Radiologienetz künftig noch braucht, fragt die Netzmanagerin den Fachbeirat und langjährigen Netzradiologen, der nur wenige Vollversammlungen ausfallen ließ und selbst mit gebrochener Schulter, chauffiert von seiner Frau, die Anfahrt von 50 Kilometern nicht scheute. Er blickt zurück in die Netzanfänge. „Wir haben uns damals zusammengetan, um uns zu stärken, falls die drohenden Einzelverhandlungen mit der KV Wirklichkeit werden sollten“, sagt er. Inzwischen haben sich die Akzente verschoben, aber er ist davon überzeugt, dass man als Verbund immer mehr erreichen kann als die Einzelkämpfer-Praxis, sowohl berufspolitisch als auch verhandlungsseitig gegenüber Industrie und Lieferanten. Wenn er beispielsweise ein Gerät beschaffen wollte, rief er bei Curagita an und legte das Thema vertrauensvoll in die Hände von Frank Vogel. „Damit habe ich richtig viel Zeit gespart und war trotzdem bestens versorgt, was die Gerätequalität und die Vertragskonditionen betraf.“ Davon ist er immer noch überzeugt und hat den dafür notwendigen Vertrauensvorschuss nie bereut.

Der Aspekt „geteiltes Leid“ ist beim Praxis-übergreifenden Austausch im Netz nicht mehr so zentral wie noch vor Jahren. Viele jungen Radiologen sind heute sowieso schon digital vernetzt und sitzen in immer größeren Praxen mit vielen anderen Partnern im selben Boot. Trotzdem hält Dr. Hahn die Perspektive von außen, die sich durch den Austausch mit Radiologen aus anderen Praxen eröffnet, nach wie vor für ein probates Mittel gegen Betriebsblindheit in der eigenen Praxis. Seine größte Sorge ist die „Ich-AG“-Mentalität – ein gesellschaftliches Phänomen, das er zunehmend auch bei Kollegen beobachte. Trotzdem oder wie er sagt „mehr denn je“ gibt er dem Netzgedanken „Gemeinsam sind wir stark“ weiterhin grünes Licht und freut sich, wenn auch er hier noch weiter anregen und begleiten kann.

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