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Der Medizinphysik-Experte (MPE) in der radiologischen Praxis

Interview mit Martin Kolodziej, Medizinphysik-Experte und Gründer von Co.MPE.tent, einem bundesweiten MPE-Netzwerk

CuraCompact: Wozu muss eine radiologische Praxis einen MPE hinzuziehen?

Martin Kolodziej: Das Hinzuziehen eines Medizinphysik-Experten (kurz MPE) ist bei Strahlenanwendungen mit erheblichen Expositionssituationen Pflicht. In § 131 StrlSchV (2) 3. und 4. werden die Situationen für die Radiologie näher beschrieben. Unter erheblichen Expositionssituationen versteht das Gesetz zum einen Untersuchungen, die mit einem Computertomographen oder mit Geräten zur dreidimensionalen Bildgebung von Objekten mit niedrigem Röntgenkontrast durchgeführt werden, mit Ausnahme der Tomosynthese. Weiterhin gehören auch Interventionen dazu, bei denen die Röntgeneinrichtung zur Durchleuchtung verwendet wird. Diese Verpflichtung gilt für bestehende Anzeigen und Genehmigungen ab dem 31.12.2022. Für Anmeldungen von Neugeräten sowie bei Betreiberwechseln entfällt die Übergangsfrist. In beiden Fällen ist bereits seit dem 31.12.2018 ein MPE hinzuzuziehen.

Die neue Strahlenschutzverordnung beschreibt als Aufgaben des Medizinphysik-Experten, die Verantwortung für die Dosimetrie von Personen zu übernehmen und insbesondere bei der Optimierung des Strahlenschutzes vor Ort mitzuwirken. Zudem soll der MPE bei der Auswahl der einzusetzenden Ausrüstung, Geräte und Vorrichtungen mitarbeiten und die Exposition von Personen, an denen radioaktive Stoffe oder ionisierende Strahlung angewendet werden, genauso überwachen wie die Einhaltung der diagnostischen Referenzwerte.

Außerdem gehören die Untersuchung von Vorkommnissen sowie die Durchführung von Risikoanalysen für Behandlungen und die Unterweisung sowie die Einweisung des in der Anwendung tätigen Personenkreises zu seinem Aufgabenbereich. Der Verantwortungsbereich des MPE ist groß und er verfügt über weitreichende Kompetenzen.

 

CuraCompact: Was kann eine Praxis bei der Zusammenarbeit mit einem MPE darüber hinaus erwarten?

Martin Kolodziej: Wichtig ist, dass der MPE mit dem jeweiligen Dosismanagementsystem sicher umgehen kann, da sich nur so die Überwachung der Dosisreferenzwerte sinnvoll bewerkstelligen lässt.

Ein weiterer Punkt betrifft die Arbeitsanweisungen. Denn von den Ärztlichen Stellen wird seit Anfang des Jahres für Untersuchungen eine detaillierte Beschreibung der durchzuführenden Arbeitsschritte verlangt. In den Anweisungen sollte vermerkt sein, welche Aufnahmeparameter bei den unterschiedlichen Untersuchungen anzuwenden sind. Die alte Röntgenverordnung hat schon früher empfohlen, mit SOPs (Standard Operating Procedures) zu arbeiten, forderte das aber nicht explizit.

 

CuraCompact: Was hat sich durch das neue Strahlenschutzgesetz geändert?

Martin Kolodziej: Durch das neue Strahlenschutzrecht erhält der Strahlenschutz einen deutlich höheren Stellenwert. Der Strahlenschutz ist nicht mehr über die Röntgenverordnung und die Strahlenschutzverordnung, sondern in einem eigenen Gesetz beschrieben.

Eine der wichtigsten Neuerungen für die Radiologie ist, dass bei der Anwendung von Hochdosisverfahren wie der Computertomographie und interventionellen fluoroskopischen Systemen seit 1. Januar 2019 Medizinphysik-Experten hinzuzuziehen sind. Dabei soll der MPE gemeinsam mit den fachkundigen Ärzten und den in der technischen Durchführung eingebundenen Assistenzpersonen die Einführung und Anwendung von Untersuchungsprotokollen optimieren.

 

CuraCompact: Die zunehmende Nachfrage nach MPE-Kapazitäten kann zu Engpässen führen. Wie gehen Sie damit um?

Martin Kolodziej: Die Fachgesellschaften haben berechnet, dass der zukünftige Bedarf an MPEs derzeit durch die Ausbildung an den Hochschulen kaum gewährleistet werden kann. Deshalb wird es ab dem 1.1.2023, wenn auch Bestandssysteme unter die Überwachung fallen, einen Engpass geben.

Aber: Der MPE muss seine Arbeiten nicht vollständig vor Ort erbringen. Es reicht, wenn er in den Arbeitsablauf eingebunden wird. Von der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Physik (DGMP) und der Arbeitsgruppe Physik und Technik (APT) gibt es eine Berechnung, dass je CT oder Angio-Anlage lediglich sieben Prozent einer MPE-Vollzeitstelle notwendig sind.

 

CuraCompact: Wie stellen Sie sicher, dass Sie für Ihre Kunden jederzeit ausreichende Kapazitäten zur Verfügung stellen können?

Martin Kolodziej: Das Konzept von Co.MPE.tent sieht vor, in einem bundesweiten Netzwerk von Medizinphysik-Experten, die Anwender in Sachen Strahlenschutz zu betreuen. Wir haben bereits die technischen Eigenschaften zahlreicher Modalitäten erfasst und können die systemspezifischen Dosis-Charakteristika allen MPEs im Netzwerk zur Verfügung stellen. Auf unseren zentralen Servern organisieren wir gerätespezifische Daten, um dosissparende Protokolle schnell flächendeckend umzusetzen, ohne dass dieselbe Arbeit vielerorts mehrfach durchgeführt wird. Zu guter Letzt archivieren wir die für den Strahlenschutz relevanten Dokumente nicht nur vor Ort in einem Ordner, sondern auch digital. Damit sind wir auf sämtliche Eventualitäten vorbereitet und können in puncto Strahlenschutz jederzeit von überall aus prompt reagieren. Und: Co.MPE.tent verfügt über ein Netzwerk aus etwa 30 Physikern und ist in der Lage, urlaubs- oder krankheitsbedingte Vertretungsstrukturen abzubilden. Bei uns arbeiten alle MPEs nach denselben Standards und wir sind gemäß DIN EN ISO 13485 zertifiziert.

 

CuraCompact: Kann eine Praxis durch die Beauftragung eines externen MPE ihrer gesetzlichen Meldepflicht gerecht werden?

Martin Kolodziej: Das kann sie auf jeden Fall! Außerdem garantiert unsere enge Zusammenarbeit mit Fachgremien, Ärztlichen Stellen, Behörden, Herstellern von Großgeräten und medizinischer Informationstechnologie eine kompetente Begleitung in der Fachkorrespondenz sowie bei Prüfungen und Unterstützung rund um Fragen zu Physik und Technik.

 

CuraCompact: Praxen haben unterschiedliche IT-Architekturen und führen verschiedene Dosismanagement-Systeme ein. Finden Sie bei Ihnen den richtigen MPE?

Martin Kolodziej: In unserem Netzwerk sind alle MPEs bestens mit der Betreuung von Dosismanagementsystemen (DMS) der gängigen Hersteller vertraut. Darüber hinaus sind sie ebenfalls in der Lage, vor Ort die IT-Workflows unterschiedlicher Systemlösungen in Verbindung mit einem DMS anzupassen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass wir die täglich stattfindende, routinierte Überwachung der Patientendosimetrie in monatlichen Tätigkeits- und Qualitätsberichten übersichtlich dokumentieren und einen umfassenden Jahresbericht inklusive aller relevanten Statistiken und Auswertungen erstellen. Die Praxen haben so eine transparente Übersicht des Status Quo zu sämtlichen Qualitäts- und Optimierungsergebnissen immer parat. 

CuraCompact: Vielen Dank, Herr Kolodziej, für das Interview.

Qualifikation Medizinphysik-Experte

Um Medizinphysik-Experte zu werden, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein.

  1. Als Erstes muss eine geeignete Ausbildung, z.B. ein erfolgreicher Abschluss eines Studiums in Medizinischer Physik, absolviert werden.
  2. Die zweite Voraussetzung ist der Nachweis der Sach- und Fachkunde. Die Sachkunde beinhaltet theoretische Kenntnisse und praktische Erfahrungen in der Verwendung oder Anwendung radioaktiver Stoffe oder ionisierender Strahlung mit einer Dauer von mindestens 24 Monaten. Die Fachkunde kann für die Gebiete Nuklearmedizin, Brachytherapie, Teletherapie und Röntgendiagnostik beantragt werden. Für einzelne Fachgebiete gibt es auch Teilfachkunden, z.B. für die Mammographie, die Röntgentherapie und bildgebende Verfahren in der Strahlentherapie. Bei Anträgen zur Anerkennung von Sachkundezeiten für das Gesamtgebiet sind mindestens sechs Monate Nuklearmedizin, mindestens sechs Monate Brachytherapie (umschlossene radioaktive Stoffe oder Afterloading-Vorrichtungen), mindestens sechs Monate Teletherapie (Anlagen zur Erzeugung ionisierender Strahlen, Gamma-Bestrahlungsvorrichtungen) und mindestens sechs Monate Röntgendiagnostik mittels Sachkundezeugnissen nachzuweisen. Die Sachkundeausbildung kann nur von einer Person durchgeführt werden, die auf dem entsprechenden Gebiet selbst fachkundig ist.
  3. Die dritte und letzte Voraussetzung ist der Nachweis über die erfolgreiche Teilnahme an den jeweils erforderlichen Strahlenschutzkursen.

Interessierte Netzpraxen finden Informationen auf der Webseite von Co.MPE.tent. Bei Buchung über Curagita erhalten Sie Netzvorteile.
www.co-mpe-tent.de


Ihr Ansprechpartner

Daniel Ellwanger
dan@curagita.com

 

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