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10. Radiologentag sucht Antworten auf die brennenden Fragen der ambulanten Radiologie

In seiner zehnten Auflage hatte sich der diesjährige Kongress für die niedergelassene Radiologie ein ehrgeiziges Ziel gesteckt. Anspruch war, die brennenden Fragen der ambulanten Radiologie in den Fokus zu stellen, sie in Themenforen und unter Einbeziehung der teilnehmenden Radiologinnen und Radiologen sowie Mitarbeitern aus dem Praxismanagement zu beantworten. Vorab: Nicht alles konnte eindeutig beantwortet werden, einiges wurde auch vom Publikum kontrovers gesehen. Es gab aber auch Konsens und vielfältige Anregungen konnten allemal mit nach Hause genommen werden.

 

Bereits am Freitag fanden sich der Fachbeirat und die RaDiagnostiX-Fokusgruppe über den Dächern von Heidelberg in der Print Media Academy zusammen. In beiden Gremien wurde eine Zwischenbilanz des Erreichten gezogen mit anschließender Diskussion der strategischen Neuausrichtung dieser Gremien. Während der Fachbeirat als Netzrepräsentanz in früheren Zeiten vor allem berufspolitische Ziele verfolgte, hatte er sich in der Gründungsphase der DeRaG zu einer Art Beirat weiterentwickelt und steht nun – nachdem es einen funktionierenden und sehr aktiven ärztlichen Aufsichtsrat der DeRaG gibt – vor einer Neuorientierung. Diese wurde an-, aber nicht fertig diskutiert – das findet im Rahmen einer Klausurtagung im 1. Quartal 2019 statt.

 

  

 

In der Fokusgruppensitzung RaDiagnostiX-Prostata wurde konstatiert, dass die geplante Vergütung der mpMRT Prostata das Verbundprojekt für viele Jahre Arbeit an Qualität und Standardisierung belohnt hat, ohne die es nun keine Vergütung gibt, wie auch Professor Schlemmer von der Uniklinik Heidelberg anerkennend unterstrich.

 

Im Anschluss daran tagten die DeRaG-Aktionäre in der Pool- (Haupt-)Versammlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Für ein entspanntes Get Together sorgte die Open Kitchen Party am Abend. Sie bot die beste Gelegenheit, um auf „10 Jahre Radiologentag“ zurückzublicken und anzustoßen. Für die Netzradiologen ließ Dr. Manthey aus der Radiologienetz-Praxis München Süd West in einer kurzen Laudatio die letzten 10 Jahre seiner Mitgliedschaft Revue passieren. Für ihn hat sich das Netz vom Lieferanten einfacher Praxisbedarfsartikel zu einem wichtigen strategischen Partner der Praxis entwickelt – zuletzt in der sehr erfolgreich angelaufenen Apparategemeinschaft seiner Praxis mit dem DeRaG-MVZ Diagnostik München. Klarheit, Visionen und Perspektiven erschließen – dafür sind die mehr als 200 Kongressteilnehmer und Redner aus ganz Deutschland dann am Samstag angereist. Schon am Morgen, kurz vor 9.00 Uhr, herrscht konzentrierte Spannung zwischen Bistrotischen und Kaffeeduft. Man begrüßt sich, man kennt sich, im Auditorium füllen sich die Plätze. Dr. Michael Kreft nimmt die Teilnehmer als Vorstand von Curagita und DeRaG mit zurück an die Anfänge des ersten Radiologentages vor zehn Jahren, um einen Bogen zu schlagen zur Agenda des heutigen Tages. 14 Fragen aus den Bereichen Medizin, Management, Kooperationen und Technologie sollen den Tag inhaltlich bestimmen. Darunter diese: „Wie misst man, wie gut ein Radiologe ist?“, „Synergie – Schlagwort oder medizinischer Vorteil?“ oder Fragen rund um den Zustand der Freiberuflichkeit, die Herausforderungen von Kooperationen sowie zur rasanten Entwicklung des technologischen Fortschritts wie „Welche Rolle spielt der Radiologe in den nächsten Gerätegenerationen?“.

 

Der Verlauf des Tages zeigt dann, dass sich die Diskussionen im Auditorium und außerhalb immer wieder um die Themen Bedeutung und Vergütung von Qualität, Vorsprung durch gelungene Vernetzung mit Kooperationspartnern und Künstliche Intelligenz drehen. Im Mittelpunkt des ersten Themenforums Radiologie und Medizin stehen Aspekte der medizinischen Qualität. Woran manifestiert sich Qualität in der Radiologie? Die Befundqualität wird künftig mit Druck von Seiten der Kostenträger, Patienten und Zuweiser immer relevanter. Professor Thomas Henzler (Diagnostik München) verweist auf die Explosion von Wissen im radiologischen Portfolio und daraus resultierende Wissensinsuffizienz. Er plädiert für eine starke Spezialisierung und Kompetenzvernetzung innerhalb der Radiologie und macht sich für eine gemeinsame IT-Plattform stark. Spezialisten- und Zweitmeinungsnetze können Synergien schaffen, insbesondere auch bei fachübergreifender Diagnosestellung bei Fragestellungen aus Onkologie, Prostata-, Herz- und Lungenerkrankungen. Auch für mehr als 70% der Radiologen im Auditorium ist klar: Die niedergelassene Radiologie wird sich zur Sicherung ihrer Zukunft weiter spezialisieren (siehe TED-Umfrage Seite 12). Gemäß PD Dr. Matthias Röthke (Conradia Hamburg) existiert in Deutschland kein Radiologen-Qualitätsscore und kein Anreizsystem wie beispielsweise in Frankreich. Je spezialisierter und qualifizierter ein Radiologe ist, desto häufiger kommen die Anfragen von Kollegen nach Zweitmeinungen. Dies führe unweigerlich zu immens hohen Arbeitsaufwänden, die dem Radiologen nicht vergütet werden.

 

Hier knüpft auch Jürgen Bodemeyer (RadMedics) an mit seiner These, dass die Teleradiologie zur Expertenkonsultation bzw. Einholung von Zweitmeinungen aktuell kein wirtschaftlich denkbares Geschäftsmodell darstellt. Er schlägt die Brücke zur Prozessqualität und berichtet über bundesweit unterschiedliche Anforderungen und Kontrollpraktiken. Im Vergleich zu Praxen in anderen Bundesländern, die nach seiner Aussage außerhalb eines übergeordneten prüfenden Radars agieren, finden in der hessischen RadMedics jedes Jahr bis zu 15 Kontrollen statt. Die anschließendeDiskussion resümiert: Das Plädoyer für bundesweite hohe Qualitätsstandards, die vergütet werden, muss über langfristige Lobbyarbeit an die Entscheidungsträger in der Politik adressiert werden – die Bilanz der bisherigen Bemühungen der Berufsverbände lässt sich hier durchaus verbessern.

 

  

 


Im zweiten Themenforum Medizin 
und Management steht die zukünftige Entwicklung der Praxislandschaft zur Debatte und wie sich die Akteure darin verhalten werden. Dr. Johannes Schmidt-Tophoff (Vorstand Curagita, DeRaG) eröffnet die Runde bewusst provokativ mit der Frage: „Kunst, Manufaktur oder Corporate Medicine: Wie freiberuflich ist die moderne Radiologie?“. Der Radiologe entfernt sich durch wirtschaftlichen Druck immer stärker vom klassischen Freiberufler. Praxisnachfolgen sind nicht mehr gesichert, da die Generation Y sich zunehmend weigert, sich mit Millionen- Invests in Groß-Praxen einzukaufen und auch nicht mit den Übernahmeangeboten von Beteiligungsgesellschaften konkurrieren kann und will. Trotzdem brechen viele Radiologen weiterhin eine (idealistische) Lanze für die Freiberuflichkeit, wenngleich von außen betrachtet die „Freiheit“ der Akteure mit zunehmenden Praxisgrößen und steigenden administrativen Erfordernissen immer mehr eingeschränkt wird. In der Entscheidung für oder gegen Freiberuflichkeit schwingt der Wunsch nach Eigenregie und Gestaltungsfreiheit mit, was auch Podiumsteilnehmer und Fachbeirat Jürgen Witt, der in Neckarsulm niedergelassen ist, bestätigt.Das zeigt auch die TED-Umfrage, in der sich eine große Mehrheit der anwesenden Radiologinnen und Radiologen für eine freiberufliche Praxis entscheiden würde, wenn sie noch einmal die Wahl hätten. Detaillierte Einblicke in den eigenen Evaluierungsprozess zur Weiterentwicklung seines Praxenverbunds gibt Dr. Stefan Braitinger (Geschäftsführer der fachübergreifenden RADIO-LOG), insbesondere auch mit Blick auf Interessenten an seinem Praxisverbund seitens der in der Branche aktiven Investoren. Sehr launig und anschaulich stellt er vor, wie er sich zunächst vor dem Hintergrund der immer schwierigeren Rahmenbedingungen (Reglementierungen nehmen zu, verfügbare Ärzte ab) für einen Verkauf von RADIO-LOG öffnete und mit fünf Interessenten in den letzten drei Jahren ernste Gespräche geführt hat. Die Erfahrungen führten bei ihm und seinen Kollegen dazu, zunächst „selbstbestimmt“ weiter arbeiten zu wollen. Ob dies das letzte Wort zu dem Thema bleibt, wird sicherlich auch durch die Ergebnisse der „Wissenschaftlichen Kommission für ein modernes Vergütungswesen (KOMV)“ beeinflusst werden.

 

Carsten Krüger stellt das mögliche Szenario einer „Einheitlichen Gebührenordnung“ vor, die von den Kommissionsmitgliedern bis Ende 2019 diskutiert wird. „Eine für alle Akteure auf Radiologenseite spürbare Schmerzgrenze verläuft mit Sicherheit dort, wo politisch gewollte Ergebnisse sich über eine sachgerechte betriebswirtschaftliche Kalkulation hinwegsetzen“, konstatiert er und weist auf die Gefahr hin, dass die diagnostischen Fächer die politisch gewollte Stützung der Hausärzte und grundversorgenden Facharztkollegen am Ende subventionieren. Das Themenforum Radiologie und Kooperationen am Nachmittag widmet sich dem Zusammenspiel zwischen niedergelassenen Radiologen und ihren Kooperationspartnern.Tendenziell nimmt die Bedeutung der Krankenhäuser in der radiologischen Versorgung momentan eher zu. Das Interesse der Krankenhäuser am Outsourcing der Radiologie ist spürbar zurückgegangen. Die Vorteilhaftigkeit der Kooperationsverträge hängt von der Stärke der Verhandlungspartner ab. Dr. Thomas Krössin, Facharzt für Nuklearmedizin und Geschäftsführer des Geschäftsbereichs Krankenhäuser der Johanniter GmbH, stellt und beantwortet Fragen zum Outsourcing von Abteilungen und wie sich diese Entwicklung auf das Wissensmanagement und auf Personalressourcen auswirken kann. „Firmenexperten, also die Mitarbeiter der Kerngruppe, die bereits hochqualifiziert sind und Wert schöpfen können, sollten dauerhaft an das Unternehmen gebunden werden. Sie haben den Status eines Vermögenswertes.“ Er spricht von der Gefahr des „Corporate Alzheimer“ durch zu viel Outsourcing. Ob die Entwicklung von KI das Outsourcing von Fachabteilungen wie der diagnostischen Radiologie beschleunigt, fragt er abschließend die Teilnehmer. 35 % sagen „Ja“, 51 % „Nein“.

 

  

 

Dietmar Pawlik (Kaufmännischer Ge-schäftsführer der München Klinik) berichtet von vereinheitlichten Strukturen und Daten, um innerhalb der vier Häuser in München langfristig den Spagat aus hochqualitativer radiologischer Patientenversorgung mittels neuester Technologien und Wirtschaftlichkeit realisieren zu können. Ernst Tandler, Rechtsanwalt für Medizin-, Krankenhaus- und Arztrecht (Tandler & Partner, München) bringt zusätzlich noch die rechtliche Komponente von Kooperationen zwischen Radiologen und anderen Partnern im Gesundheitswesen ins Spiel, die die Zusammenarbeit nicht vereinfacht und den Radiologen in der Praxis manches Mal verunsichert. Er gibt einen Überblick über zulässige und rechtswidrige Kooperationsmöglichkeiten im Zusammenspiel von Krankenhaus, Patient und Radiologe beziehungsweise Radiologie und Dienstleister. Als Verbund, schlägt er vor, könnte das Netz rechtliche Kompetenz im Sinne eines Data Governance Konzepts für seine Mitglieder aufbauen und vorhalten. Das im Tagungsverlauf immer wieder diskutierte Thema Technologie rückt im vierten Themenforum am Nachmittag in das Zentrum der Diskussionen. Mit Professor Henrik Michaely (MVZ Radiologie Karlsruhe), Peter Vullinghs (CEO Philips) und Dr. Matthias Baumhauer (CEO Mint Medical) im Podium führt Moderator Professor Lars Grenacher durch eine interessante Diskussion.

 

Fragen um die medizinische Deutungshoheit und rechtsverbindliche Verantwortung gehen einher mit Diskussionen, wie Machine Learning und Deep Learning in der radiologischen Diagnostik einzu-setzen sind. Gibt es ein Geschäftsmodell für Künstliche Intelligenz? Baumhauer illustriert den Status Quo mittels einer Anwendung von Maschinellem Lernen in der radiologischen Diagnostik. Seine Meinung: In absehbarer Zeit kann Künstliche Intelligenz (KI) den Arzt als Radiologische Assistenz unterstützen. Wer dann die medizinische Verantwortung für Diagnosen trägt, ist ungeklärt. Wem die ärztliche Hoheit obliegt, wenn sich Algorithmus und Arzt nicht einig sind, ist ebenfalls ungeklärt. Michaely plädiert für den Einsatz von KI, um Workflows zu optimieren und in der Radiologie effi zienter zu werden. Vullinghs unterstützt dies: „Künstliche Intelligenz wird dabei helfen, große Datenmengen in handlungsrelevante Informationen zu übersetzen.“ Heute schon machen Hochleistungsgeräte den Radiologen bei Standarduntersuchungen entbehrlicher und belasten ihn mit Datenfluten, was die Notwendigkeit automatisierter Auswertungen erhöht. Vullinghs ist überzeugt: „Kommende Gerätegenerationen und IT-Lösungen werden Radiologen intelligent unterstützen und entlasten, aber nicht ersetzen.“ Der Radiologe wird Spezialist für komplexe Fälle bleiben. Das glauben auch 45% der anwesenden Radiologen im Auditorium.

 

Mit Blick auf die personellen Engpässe, die im Laufe des Tages immer wieder thematisiert werden, können radiologische Assistenzen in Form von KI bei Standarddiagnosen künftig durchaus entlasten bei gleichzeitiger höherer Qualität der generierten Daten. Selten sah man die Teilnehmer des Radiologentags auch in den Pausengesprächen und am Ende beim „Bewegten Ausklang“ so eifrig ins Gespräch vertieft. Die Idee, die brennenden Fragen der ambulanten Radiologie zu stellen und gemeinsam Antworten darauf zu suchen, hat gezündet.

Die Ergebnisse der TED-Umfragen aus den Themenforen des Radiologentags haben wir für Sie als PDF  zum Nachlesen zusammengestellt.

 

 

Workshops zum Radiologentag

Ihre Ansprechpartner

Eva Jugel
eju@curagita.com

Mona Schneider
mos@curagita.com

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